VON ILSE KOGLER

Ich, Allmutter der Natur;
Beherrscherin der Elemente,
Erstgeborenes Kind der Zeit,
Höchste der Gottheiten,
Königin der Seelen,
Erste der Himmlischen,
Ich vereine in mir die Gestalten Aller Götter und Göttinnen.
Isis Noreia
(Lucius Apuleius)

Noreia -das ist der Name der Großen Mutter bei den Kelten der Alpenländer. Die Römer nannten sie Isis Noreia.
Noreia ist auch der Name einer versunkenen Königsstadt, der legendären Hauptstadt des alten Königreichs Norikum, dem ersten Staatsgebilde auf österreichischem Gebiet. Norikum hatte ein ausgezeichnetes Freundschaftsverhältnis zum Imperium Romanum. Norikum war berühmt für seine Gold und Silbervorkommen und vor allem für das Norische Eisen. Die Waffen und Werkzeuge, die geschmiedeten Klingen der Noriker waren von außerordentlicher Qualität und Güte, und die Römer hatten großes Interesse daran, daß in erster Linie sie damit beliefert werden. Hekataios schreibt um 500 v.Chr. vom "keltischen Land" und einer Stadt Nyrax. Mit ziemlicher wahrscheinlichkeit läßt sich dieser Name mit Noreia gleichsetzen.

Noreia - so heißt heute ein kleines, idyllisches, sagenumwobenes Gebirgsdorf in 1100 m Seehöhe mit etwa 50 Einwohnern. Es liegt auf ausgedehnten Terrassen von rund 900 m Gesamtlänge, versteckt und geschützt - wie ein Schwalbennest drückt es sich an den Hang des Zirbitzkogel. Noreia als Ortsbezeichnung kennen wir aus der Schulzeit. Das Jahr 113 v. Chr. wird im Schulunterricht sehr gerne hervorgehoben, denn damals haben die Römer erstmals eine Schlacht gegen die Völker des nördlichen Europa verloren: die Schlacht bei Noreia gegen die Kimbern und Teutonen. Rom gibt Norikum Grenzschutz, und so kommt es zum kriegerischen Zusammenstoß auf dem Hörfeld. Noreia selbst bleibt von den Kampfhandlungen unberührt. Die antiken Schriftsteller berichten ab zirka 200 v. Chr. laufend über Norikum und seine Könige. Der Keltenstamm der Taurisker vermischt sich friedlich mit der Urbevölkerung, den bereits von Homer und Herodot erwähnten Nori, und es entsteht das Volk der Noriker.

Mächtige Könige herrschen in Norikum. Es wird berichtet, wie die norischen Fürsten Cincibilus, CatmaIus oder Balanos engen Kontakt zu Rom pflegen und bei ihren Besuchen mit ungewöhnlich reichen, großzügigen Gastgeschenken die Römer verblüffen. So kommt es ca. 200 v. Chr. durch großzügige Goldlieferungen an Rom zur berühmten Goldaffäre. Der Goldwert war um ein Drittel gefallen. Großzügigkeit und Freigiebigkeit zählen bei den Kelten zu den edelsten Tugenden.

Die Noriker machen ca. 50 v. Chr. Weltgeschichte: Als Cäsar seinen Bürgerkrieg fuhrt, fordert er vom Suebenkönig Ariovist Truppen zur Verstärkung seiner Kriegsmacht an. Ariovist verweigert dies. Da sendet der norische König Voccio 300 berittene, bestens geschulte, edle Krieger an Cäsar, und der gewinnt so den Bürgerkrieg. König Voccio vermählt darauf hin seine Schwester an Ariovist, und gibt reiche Mitgift an Gold, edlen Pferden, kostbaren Waffen und großer Dienerschaft. Immer wieder wird in den historischen Schilderungen das friedliebende, den Ausgleich suchende Wesen der Noriker betont. Österreichs Heiratspolitik hat offenbar Tradition.

Das Jahr 16 v. Chr. bringt dem bisher unabhängigen Königreich Norikum die Annexion durch Rom. Die Hauptstadt Noreia ergibt sich nicht und wird niedergebrannt. Virunum am Fuße des Magdalensbergs wird zur neuen Hauptstadt der Provinz Norikum. Plinius berichtet, daß Noreia in einem heldenhaften Kampf untergegangen ist (Plinius 19, 131: "... interiere ...Tauriscis Noreia ..."), und daß die Reste von Noreia durch eine Katastrophe zugrunde gegangen sind. Eine Naturkatastrophe? Noreia ist nun ausgelöscht, versunken, verschwunden.

Fast zwei Jahrtausende lang ist es still um Noreia. Als im 19. Jahrhundert die Archäologie zur Wissenschaft wurde, als die Archäologen Mommsen und Much die " Tabula Peutingeriana" - eine Kopie der römischen Straßenkarte aus den ersten Jahren unserer Zeitrechnung und ein Kleinod der Österreichischen Nationalbibliothek studieren, sehen sie, daß zwei Mal die Ortsangabe Noreia aufscheint, noch dazu mit dem gleichen Meilenabstand von Aquileia aus gemessen. Da gibt es keinen Zweifel: ein Schreibfehler des Kopisten! Die Doppelnennung Noreias ist somit abgehakt, erledigt. Der Grazer Landesarchäologe, Universitätsprofessor Dr. Walter Schmid, erforscht und entdeckt in den Zwanzigerjahren unseres Jahrhunderts viele Kulturstätten im steirischen Raum, unter anderem Flavia Solva. Schmid interessiert sich sehr für das verschollene Noreia. Die " Tabula Peutingeriana" betrachtend hält er es aber für ausgeschlossen, daß ein mittelalterlicher Mönch einen derart auffälligen Fehler macht, ohne ihn zu korrigieren. Er vermutet dahinter eher ein ungelöstes RätseI. Sein Forschergeist ist angefacht.

Schmid macht sich auf die Suche nach Spuren von Noreia. Er studiert antike Schriftsteller im Urtext. Er begutachtet die landschaftliche Situation, die für die Lage in Frage kommen könnte. Dabei kommt ihm das Schicksal zu Hilfe: Als im Jahr 1930 in Wildbad Einöd die Bahnanlagen umgebaut werden, stößt man auf Mauerreste einer römischen Poststation und einen Römerstein mit einer Inschrift, die besagt, daß es sich hier um die Poststation Noreia handelt. Welch ein Triumph! Seine Vermutung ist bestätigt, das Rätsel gelöst: Neben der Stadt Noreia gibt es also noch die römische Poststation Noreia, das Noreia Nummer zwei.

Schmid sucht nun gezielt weiter nach Noreia. Die Westhänge des Zirbitzkogel bieten sich da an, sie liegen auf der geographischen Breite der Poststation Noreia. Dieses Gebiet ist außerdem eine geologische Besonderheit. Von der Vielfalt der Mineralien und Erzvorkommen her ist es der drittreichste Platz der Erde und der reichste Europas. Nicht die Mengen, die Artenvielfalt gibt hier den Ausschlag. Schmid teilt sich das Gelände in Segmente ein und sucht an vegetations- und schneearmen Tagen fünf Jahre lang nach Spuren, nach Ruinen, einem rechten Winkel im Gelände, einem Waagriß, Steinschichtungen und ähnlichem. Als er oberhalb des Dorfes St. Margarethen am Silberberg aus dem Wald tritt, blickt er auf eine geschlossene Terrassensituation. Die Bauern berichten von Tonscherben in der Ackererde. Sollten das Spuren von Noreia sein? Daß es sich um eine prähistorische Siedlung auf künstlich bearbeiteten Terrassen - umgeben von einer schutzbietenden Wallanlage - handelt, steht für Schmid fest. Seine Begeisterung überträgt sich auf die Bewohner, und alle arbeiten bei den Ausgrabungen mit, auch der Wirt, der Lehrer und der Pfarrer. Dem Kaufmann als stolzem Fotoapparatbesitzer verdanken wir Fotografien. Es wurden so 67 Hausgrundrisse in dichter städtischer Bebauung -teilweise aus der Hallstattzeit -freigelegt und dokumentiert. Noreia wurde in den Berichten des Livius und des Sempronius Asellius nämlich als "urbs noreia", als Stadt bezeichnet. Das muß Noreia also sein!

Im Grundmauerbereich einer Schmiede wird ein halb zu Ende geschmiedetes Schwert gefunden. Analysen ergeben, daß es sich dabei um hochwertigsten Klingenstahl handelt. Der Magnet- und Spateisenstein dieser Gegend hat natürliche Titaneinschlüsse, das dem Stahl besondere Festigkeit und Dichte verleiht. Das norische Eisen ist gefunden!

Wenn dies nun Noreia ist, müssen auch Spuren der Schlacht aus 113 v.Chr. gegen die Kimbern und Teutonen zu finden sein. Die Berichte des Appian darüber sind präzise und lassen sich mühelos rekonstruieren. Danach muß die Schlacht nördlich dem Hörfeld, dem großen Moor, stattgefunden haben, das Lager der Kimbern und Teutonen auf den westlichen Höhen gewesen sein. Mit Suchgräben entdeckt Schmid dort tatsächlich Feuerstellen mit Holzkohleresten und fremdländischen Tonscherben, und keine Spuren von dazugehörigen Gebäuden - das Feldlager der Kimbern.

Nach den Bestimmungen der Dreißigerjahre haben diese Indizien genügt, um St. Margarethen am Silberberg in Noreia umzubenennen. Das hat einen wahren Expertenkrieg ausgelöst, denn auch andere Historiker waren auf der Suche nach Noreia. An dreizehn Stellen wurde damals geforscht!

Schmid gräbt unbeirrt weiter aus. Er entdeckt im Erdreich Reste eines Rundheiligtums, vielleicht der Isis Noreia, mit Altarstein und Kultpfeiler- Es ist das der nördlichste derartige Rundtempel Europas, der bisher gefunden wurde. Die Grundmauem des außergewöhnlich stattlichen Objektes erlauben eine Rekonstruktion in Originalgröße. Schmid nennt dieses Gebäude das Königshaus.

Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Professor Schmid in seiner Arbeit gestört und bricht schließlich ab. Es ihm nicht nicht vergönnt gewesen, auch das Gräberfeld der alten Siedlung zu finden. Und so ist bis heute wissenschaftlich unbewiesen und ungeklärt, ob es sich dabei tatsächlich um das alte Noreia handelt oder nicht. Noreia wird so zum Mythos.

In der Nähe des Königshauses befindet sich ein kreisrunder künstlicher Hügel, eingesäumt von mehrstämmigen Bäumen. Dumpf und hohl klingen die Schritte, wenn man ihn betritt. Professor Schmid und der Ortspfarrer ersuchen eindringlich, diesen Hügel niemals zu öffilen. Das, was er ist, würde damit zerstört und nie wieder herzustellen sein. Deshalb stellt Schmid, wie um diesen Hügel für alle Zeiten zu beschützen, zu versiegeln, einen kleinen Menhir auf diese Erhebung, in den er das Wort NOREIA einmeißeln läßt. .

Literaturhinweise:
H. Birkhahn, "Kelten" 1995,
Demandt Alexander, "Die Kelten", Verlag C.H.Beck 1998,
Dobesch Gerhard: "Die Kelten in Österreich", 1980
Hermann Max-Otto, " Tempel-Kult-Ruinenstätten" Gehr. Mann Verlag Berlin 1996,
Schmid Walter, "Noreia" Verlag Curt Kahitzsch, Leipzig 1932,
Stern Josef, " Wo Römerräder rollen", A.Hartleben Wien
"Das Technische Museum in Wien", Residenz Verlag